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18.06.2022
Wissen

Prophylaxe fürs Gesundheitswesen

Immer häufiger halten studierte Dentalhygieniker:innen die Mundgesundheit ihrer Patient:innen aufrecht. Doch warum braucht es zur Vorbeugung oder Behandlung von Mundhöhlenerkrankungen wie Parodontitis einen Bachelor? Das erklären EU|FH-Professorin Julia Blank und Studienberaterin Katrin Prior.

von Jule Fuchs

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1. In den USA oder Skandinavien gehen Patient:innen zur Dentalhygiene. In Deutschland zum Zahnarzt oder zur Zahnärztin. Woran liegt das?

Julia Blank: Der Beruf ist hierzulande noch recht unbekannt. Bundesweit arbeiten knapp 2.000 Dentalhygieniker:innen. Der Bachelorabschluss gehört im europäischen und angloamerikanischen Ausland für den Fachbereich Dentalhygiene zum Standard. In Deutschland konnte er allerdings lange gar nicht erworben werden. Unser Studiengang Dentalhygiene und Präventionsmanagement war die erste Möglichkeit in Deutschland, einen akademischen Weg zum:zur Dentalhygieniker:in zu bestreiten. Seit 2013 können sich Studierende einschreiben.

Katrin Prior: Seit knapp zehn Jahren bietet der Studiengang also eine akademische Weiterbildungsmöglichkeit an, für die es bislang wenige Studienalternativen in Deutschland gibt. Deshalb kommen unsere Studierenden aus dem gesamten Bundesgebiet und manchmal sogar aus dem Ausland zu uns.

2. Also wissen nur wenige der rund 70.000 behandelnden Zahnärzt:innen in Deutschland, welche Vorteile Dentalhygieniker:innen bringen?

Julia Blank: Insbesondere in hochspezialisierten Zahnarztpraxen mit den Schwerpunkten Prävention und Parodontologie haben sich die Vorteile von Dentalhygieniker:innen (DHs) auch für den wirtschaftlichen Praxiserfolg längst im Kollegium verbreitet.

Katrin Prior: Es hängt eben vom Innovationsgeist der Zahnärztin oder des Zahnarztes ab. Dentalhygieniker:innen bringen Praxen einen fachlichen Mehrwert und steigern neben dem finanziellen Gewinn die Patientenbindung. Haben Mediziner:innen das erkannt, bereichern oft mehrere DHs das Behandlungsteam.

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3. An der EU|FH studieren Zahnmedizinische Fachangestellte Dentalhygiene neben ihrem Job. Welche Ziele verfolgen sie?

Katrin Prior: Die meisten Bewerber:innen sind zwischen 25 und 50 Jahre alt, stehen mitten im Leben und haben Familie. Sie kommen mit klaren Erwartungen: fundiertes Wissen, mehr Anerkennung und Gehalt.

Julia Blank: Viele meiner Studierenden arbeiten seit mehreren Jahren als Zahnmedizinische Assistenz und wollen sich weiterentwickeln. Das macht das berufsbegleitende Studium besonders: Die Studierenden bringen Erfahrungen mit, die wir reflektieren können. Ihre praktischen Kenntnisse sind wunderbare Grundvoraussetzungen für das wissenschaftliche Arbeiten.

4. Welche Voraussetzungen Und du berätst wirklich alle Studienbewerber:innen für den Standort?

Katrin Prior: Viele Wege führen in diesen Studiengang. Abitur oder Fachhochschulreife ist kein Muss – dafür aber die Ausbildung zum:zur Zahnmedizinischen Fachangestellten. Bewerber:innen ohne Hochschulreife können studieren, wenn sie nach dem Abschluss der Berufsausbildung drei Jahre Vollzeit-Berufserfahrung gesammelt haben. In jedem Fall lohnt sich ein Gespräch, denn die vielfältigen Zugangsvoraussetzungen ermöglichen den meisten Interessierten ein Studium. Zum Beispiel können Pflege- und Erziehungszeiten wie Berufserfahrung angerechnet werden. Die Frage nach der Zulassung lässt sich deshalb kaum pauschal beantworten.

5. Das ist genauso individuell wie die Herausforderung, die ein Studium neben dem Beruf mit sich bringt.

Katrin Prior: Das hängt von den Studierenden und ihren Kontexten ab. Haben sie Familie und Kinder? Wer unterstützt sie im Alltag? Wer finanziert das Studium? Wie viel Verständnis bringt ihnen ihr:e Arbeitgeber:in entgegen? Die Herausforderung besteht vor allem darin, dass Studierende Job, Studium und Familie vereinbaren. Das Studium ist aus diesem Grund übersichtlich strukturiert und zeitlich sehr gut planbar: Die kompakten Präsenzzeiten stehen weit im Voraus fest und können für die gesamten zwei Jahre des Bachelorstudiums in den Terminkalender der Praxis eingetragen werden – und natürlich auch in den privaten. Am Campus sind die Studierenden zu drei Präsenzzeiten  im ersten Semester, zwei im zweiten und einer im dritten. Im vierten Semester gibt es keine Präsenzveranstaltungen am Campus. Die übrige Lehre findet in Form von Live-Online-Veranstaltungen oder eigenständig zu bearbeitenden Übungsaufgaben statt, sodass die Anreise und damit verbundener Aufwand und Kosten so niedrig wie möglich bleiben. Das Studienmodell kommt den Studierenden damit sehr entgegen.

Julia Blank: Das dritte Kind von meiner Kollegin Julia Haas war ein Jahr alt, als sie ihr DH-Studium begann. Der Vater ihrer Kinder hielt ihr den Rücken frei. Gleichzeitig reduzierte sie ihre Arbeitszeit. Heute doziert Julia Haas an der EU|FH. Es hängt wirklich vom Umfeld ab.

EUFH Magazin Dentalhygiene Praeventiontsmanagement Dentalhyienikerin Julia Haas

6. Gibt es einen Richtwert, wie viele Wochenstunden Studierende für Beruf und Studium einplanen sollten?

Katrin Prior: Wir raten zu einer Arbeitszeit von 30 Stunden, abhängig von der beruflichen und privaten Auslastung. Das Studium erfordert im Durchschnitt wöchentlich 8 bis 10 Stunden. So kommen Studierende auf eine gängige 40-Stunden-Woche. Die Entscheidung über das Arbeitspensum liegt letztlich aber bei den Studierenden.

7. Berufstätige Erstsemester haben vermutlich am meisten mit den formalen Strukturen und den wissenschaftlichen Anforderungen zu kämpfen.

Julia Blank: Das ist für viele völlig neu, deshalb begleiten wir Erstsemester intensiv. Wie ist das Studium strukturiert? Wie funktionieren wissenschaftliche Recherche und Quellenangaben? Was braucht eine Hausarbeit? Wie verzahnen Studierende Theorie und Praxis am besten? In einem Extra-Modul beantworten wir alle Fragen und erklären, wie sie sich selbst am besten organisieren. Erstsemester lieben das. Unsere niedrigen Absprungraten sprechen für sich.

8. Woran scheitern Studierende?

Katrin Prior: Entscheidend ist meiner Erfahrung nach der Rückhalt in der Praxis. Wenn der:die Arbeitgeber:in den Studienwunsch nicht unterstützt, kann das zu Spannungen führen. Umso wichtiger ist es, sich vorher mit dem:der Chef:in an einen Tisch zu setzen und gemeinsame Lösungen zu finden. Natürlich bleibt auch die Möglichkeit, eine neue Praxis zu suchen – z.B. eine, die mit der EU|FH kooperiert

Julia Blank: Die meisten unserer DH-Studierenden kommen mit einem festen Job und einer klaren Vorstellung, wo sie in ihrem Beruf hin möchten. Fühlen sie sich bei ihren Arbeitgeber:innen wohl, arbeiten sie auch ohne vertragliche Zwänge nach Abschluss ihres Studiums in der Praxis weiter.

9. Und was, wenn der:die Arbeitgeber:in das Studium finanziell nicht unterstützen möchten?

Katrin Prior: Wir unterstützen unsere Bewerber:innen. Wir klären zum Beispiel über verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten auf. Bei Bedarf sprechen wir mit potenziellen Arbeitgeber:innen über die Vorteile, die das Studium auch für die Praxis bringt. Viele wissen nicht, dass das Studium eine Win-win-Situation ist.

10. Wie meinst du das?

Katrin Prior: Schon in den ersten Semestern ihres Studium lernen die angehenden Dentalhygieniker:innen Fertigkeiten, die sie zum Einsatz in weiten Bereichen der Parodontitistherapie oder bei gewinnbringenden ästhetischen Maßnahmen wie Zahnbleachings befähigen. Mit den so erzielten Praxisumsätzen können die Studiengebühren in kürzester Zeit refinanziert werden, und das noch im Studium.

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11. Das Gleiche dürfen Dentalhygiener:innen, die „nur“ eine nicht akademische Aufstiegsfortbildung z.B. über die Zahnärtzekammer machen. Welche Vorteile hat das Studium an der EU|FH?

Julia Blank: Um als Dentalhygieniker:in die Abläufe in der Zahnarztpraxis erfolgreich zu unterstützen, sind beide Wege gut geeignet. Solange ein zertifiziertes Ausbildungsinstitut ausgewählt wird, können und dürfen Dentalhygieniker:innen nach ihrem Abschluss in beiden Fällen gleich viel. Wer aber gerne wissenschaftlich arbeiten möchte und den Wunsch hat, die Effektivität der Therapiemaßnahmen und Empfehlungen selbstständig nachprüfen zu können, ist mit dem Studium besser beraten.

Katrin Prior: Der Bachelorabschluss in Dentalhygiene öffnet außerdem weitere Türen, zum Beispiel in die pädagogische und didaktische Arbeit, die mit einer modularen Weiterbildung verschlossen bleiben. Mit einem Bachelor können DHs etwa an der EU|FH dozieren, ein Masterstudium anschließen oder in die Forschung gehen.

12. Es lohnt sich für angehende DHS über ein Studium nachzudenken.

Katrin Prior: Der Studiengang boomt. Im Sommersemester 2022 begannen 36 Erstsemester, ein Jahr zuvor waren es halb so viele.

13. Digital und ortsunabhängig ersetzt aber keinen persönlichen Kontakt. Wie kommunizieren die Kommiliton:innen untereinander?

Julia Blank: Bei den Veranstaltungen lernen sich die Erstsemester kennen. In den übersichtlichen Kohorten und durch die individuelle Betreuung entstehen schnell Kontakte. Studierende organisieren sich in WhatsApp-Gruppen und lernen gemeinsam in kleinen Teams.

Karin Prior: Die Kohorten sind sehr dynamisch. Eine Studiengruppe lebt von unterschiedlichen Altersspannen und Erfahrungen der Studierenden. Wer langjährige Berufserfahrung mitbringt, verfügt über eine große Behandlungsroutine, die sie oder er an die noch weniger erfahrenen Kommiliton:innen weitergeben kann. Dafür sind bei Berufseinsteiger:innen durch die erst kurz zurückliegende Ausbildungssituation effektive Lernstrategien noch präsenter. Diese können sie in Lerngruppen einbringen. So machen die verschiedenen Erfahrungen das DH-Studium interaktiver als andere Studiengänge.

14. Studierende inspirieren und motivieren sich also gegenseitig. Wann verbuchen sie erste Lernerfolge?

Julia Blank: Für die Antwort muss ich etwas ausholen. Die Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten besteht aus rein reproduktiven, klaren Anweisungen. An der EU|FH sollen sie diese bisher als gegeben angenommene Fakten infrage stellen. Diese Evaluation ist neu. Den wissenschaftlichen Anspruch empfinden Erstsemester als große Herausforderung. Haben sie diese Hürde genommen, spüren sie erste eigene Erfolge. Danach trauen sich viele auch in ihrer Praxis neue Impulse zu.

15. An der EU|FH lernen Studierende neue Therapien und Geräte kennen. Wie stark profitieren Zahnärzt:innen davon?

Julia Blank: Das hängt wie bereits angesprochen vom Innovationsgeist ab. Die Industrie versorgt die EU|FH ständig mit neuen Geräten, beispielsweise zur zahnmedizinischen Prophylaxe. Studierende evaluieren diese Technologie, entwickeln und probieren neue Therapiekonzepte. Dieses Know-how tragen sie in die Praxis.

Katrin Prior: Studierende sollten sich bewusst sein, dass sie als Dentalhygieniker:innen am Arbeitsmarkt gefragt sind. Als studierte Spezialist:innen arbeiten sie manchmal sogar in Industrie und Forschung.

16. Und wie sieht es außerhalb von Deutschland aus?

Julia Blank: An der EU|FH studieren auch Österreicher:innen und Schweizer:innen Dentalhygiene und Präventionsmanagement. Wir kooperieren mit der Universität in Oslo zum Beispiel für einen Studierendenaustausch. Wir möchten das Bachelorstudium außerdem europaweit harmonisieren. Dazu waren wir mit unserem Studiengang als deutscher Vertreter an der Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Rahmencurriculums für das Fachgebiet Dentalhygiene beteiligt.

Weiterhin müssen wir dafür sorgen, dass Dentalhygieniker:innen in deutschen Praxen alltäglich werden. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.

 

Prior, Katrin Studienberatung

Katrin Prior kennt so gut wie alle Studierenden aus Dentalhygiene & Präventionsmanagement. Sie berät Interessierte, führt Bewerbungsgespräche und begleitet angehende Erstsemester

Prof. Dr. Julia Blank Professur für Dentalhygiene und Präventiosnmanagement

Julia Blank bekleidet die Professur für Dentalhygiene und Präventionsmanagement. Sie weiß, wo Studierenden der Schuh drückt, welche Hürden sie nehmen und unterstützt in allen Studierendenangelegenheiten.


Bildnachweise:
© Fotolia: anatoliy_gleb
© EU|FH | Henrik Bartels (5)

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