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16.12.2021
News

Skills Labs: Alltag im Laborversuch

Stress mit Eltern. Strapazen im Team. Streit mit Kindern. Solche Turbulenzen gehören zum Kita-Alltag. Dozent:innen machen ihre Studierenden für außergewöhnlich Konfrontationen in den Skills Labs fit.

von Jule Fuchs

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1. Jette „Ich möchte mehr als Erzieherin sein“

Adam gleicht einem Häufchen Elend. Bedröppelt schaut der Fünfjährige zu seinem Vater auf. Roland Buck zerrt seinen Sohn unwirsch am Arm aus der Kita. Kindheitspädagogin Jette Bandow beobachtet das Geschehen. Am nächsten Tag wird sie Roland Buck zum Gespräch bitten.

Soweit die vom Dozierenden vorgegebene Szenerie. Das nun folgende Gespräch ist Teil der sogenannten Skills Labs. Studierende der EU|FH simulieren und trainieren dabei Alltagssituationen in Laboratmosphäre. Im geschützten Raum. Beobachtet und beraten von Dozent:in und Mitstudierenden.

Im Untergeschoss der EU|FH Rostock rutscht Studentin Jette unruhig auf ihrem Stuhl herum. Sortiert ihre Gedanken. Notiert Argumente. Und verschwindet schließlich im benachbarten Raum. Die junge Frau studiert Kindheitspädagogik im dritten Semester und schlüpft nun in die Rolle der pädagogischen Fachkraft, ohne zu wissen, was sie erwartet. Eine bodentiefe Glasscheibe trennt Jette von ihren fünf Mitstudierenden und ihrem Dozenten Heinrich Woest. Wie in einem Laborversuch beobachten die Mitstreiter:innen, was hinter der Scheibe geschieht.

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2. Reflexion und Rollenverständnis

Jette begrüßt Adams Vater, einen Schauspieler in der Rolle von Roland Buck. Ruhig leitet die Kindheitspädagogin das Gespräch ein, erklärt die Situation und fragt, warum der Vater seinen Sohn so grob behandle. Roland Buck wird rasch unwirsch. Sein Sohn werde in der Kita verweichlicht: Adam sei eine Granate.

Das Skills Lab konfrontiert Jette mit einer Situation und einem unbekannten Gesprächspartner, die sie spontan meistern muss. „Das bereitet unsere Studierenden auf unangenehme und ungewohnte Situationen vor”, erklärt Heinrich Woest. Drei Tage lang spielen die angehenden Kindheitspädagog:innen die unterschiedlichsten Situationen durch. Zum Teil unterstützt durch Schauspielende. Jede:r Teilnehmende ist mal Protagonist:in, Sparringspartner:in, Beobachter:in, Bewerter:in und Ratgeber:in. Das schweißt zusammen, übt Reflexion sowie Rollenverständnis. Und fördert Empathie und Perspektivwechsel.

Im Skills Lab antwortet Jette: „Es geht hier nicht um mich, sondern um Ihren Sohn. Adam reagiert verängstigt auf laute Ansprachen von anderen Kindern. Sein Verhalten macht uns Sorgen.” Adams Papa antwortet: „Sie sollen sich nicht um meinen Sohn sorgen, sondern Ihren Job machen. Damit ich meiner Arbeit nachgehen kann.”

In einer unangenehmen Situation wie dieser sollen die Studierenden Kompetenzen in der Kommunikation entwickeln. Sie müssen ihr fachliches Wissen abrufen, um die passenden rechtlichen, pädagogischen und sozialen Argumente anzuführen. Kurz: Sie lernen als Kindheitspädagog:innen zu agieren. „Es geht darum, sich in die Rolle und das Gegenüber hineinzuversetzen. Indem sich die Studierenden gegenseitig analysieren und bewerten, profitieren sie voneinander. Sie lernen, in schwierigen Situationen professionell zu handeln”, ordnet Heinrich Woest ein.

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3. Oberstes Gebot: Schutz des Kindes

Hinter der Glasscheibe setzt sich Jette rund 25 Minuten mit ihrem Gegenüber auseinander. Sie klopft Roland Bucks familiären Hintergrund ab, erklärt ihren Anspruch an ihren Job und warum sie sich für Adam starkmacht. Am Ende setzt sie den Vater in Kenntnis, dass sie die Situation weiter beobachten und mit ihm reflektieren wird.

Kein besonders befriedigender, aber durchaus realistischer Ausgang einer solchen Konfrontation, wie die Studierenden im Nachgespräch mit ihrem Dozenten feststellen. Jette sei sicherer geworden, präsent und selbstbewusst aufgetreten. Sie habe immer wieder das Kindeswohl ins Zentrum gerückt. „Ich nehme unglaublich viel mit. Diese Übungen bereiten mich perfekt auf die praktische Arbeit vor”, sagt Jette.

Und Heinrich Woest resümiert: „Wenn Sie den Vater zu sehr unter Druck setzen und ihm nicht versuchen zu helfen, könnte er sein Verhalten räumlich dorthin verlagern, wo Sie es nicht mitbekommen. Und noch ein Tipp: Meiden Sie, das Kind als Quelle anzuführen. Sie müssen es schützen. Das ist das oberste Gebot.”

 

Bildquellen:
© EU|FH | Henrik Bartels

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